Hochwasser Eldern 2024

Lichtverschmutzung ist ein globales Problem

2 Juni, 2026 • 21 Min. Lesezeit • persönliche reportage

Hochwasser Eldern 2024

Als das Becken fast voll war und was davon bleibt

Es gibt Zahlen, die liest man, nickt kurz und schiebt sie dann innerlich weg.
1,5 Milliarden Liter Wasser.
Acht Meter hoch.
Dreißig Meter vom eigenen Haus entfernt.

Klingt erst einmal nach Statistik bis man dann selber auf dem Damm steht.
Braunes, aufgewühltes Wasser. Fast bis zur Unterkante Oberlippe.

Das Hochwasserrückhaltebecken Eldern war Anfang Juni 2024 nahezu vollständig gefüllt. Nur wenige Zentimeter fehlten noch bis zum kontrollierten Überlauf.
Für Ottobeuren und Eldern war das der Moment, in dem Hochwasserschutz nicht mehr nach Schautafel, Bauprojekt oder Bürgerversammlung klang, sondern nach Wirklichkeit direkt vor der Haustür.
Aus einer PowerPoint-Präsentation bei der Bürgerversammlung, aus Baukosten, Plänen und technischen Erklärungen wurde auf einmal etwas, das man sehen, hören und im Bauch spüren konnte.

Warum ich darüber schreibe

Das Jahrhunderthochwasser vom 1. Juni 2024 ist jetzt zwei Jahre her. Und trotzdem: Ich sehe den Damm jeden Tag. Irgendwann wollte ich einfach aufschreiben, was davon bei mir hängen geblieben ist.

Hochwasserschutz ist ziemlich theoretisch, bis man selbst erlebt, was er bedeutet.

Das HRB Eldern hat Anfang Juni 2024 funktioniert. Es hat Ottobeuren vermutlich vor deutlich schlimmeren Schäden bewahrt. Aber wer direkt unterhalb eines fast vollen Rückhaltebeckens wohnt, erlebt so eine Lage anders als jemand, der sie später auf einer Infotafel nachliest.

Dieser Text ist mein persönlicher Rückblick auf dieses Wochenende.

Kurzfassung

Ende Mai und Anfang Juni 2024 traf eine außergewöhnliche Hochwasserlage das Unterallgäu. Ausgelöst wurde sie durch eine sogenannte Vb-Wetterlage. Feuchte Luft aus dem Mittelmeerraum brachte tagelangen Starkregen und Dauerregen auf Böden, die längst vollgesogen waren.

In Ottobeuren wurde das Hochwasserrückhaltebecken Eldern massiv beansprucht. Es hielt enorme Wassermassen zurück und bewahrte den Ort vermutlich vor deutlich größeren Schäden. Gleichzeitig zeigte sich aber auch, wie verunsichernd eine solche Lage für Menschen ist, die direkt unterhalb eines fast vollen Rückhaltebeckens leben.

Dieser Text ist keine technische Bewertung. Er ist ein persönlicher Rückblick auf ein Wochenende, an dem Hochwasserschutz plötzlich nicht mehr Theorie war.

Der Regen, der nicht mehr aufhörte

Ende Mai 2024 regnete es einfach viel.

Der Deutsche Wetterdienst hatte schon vorher vor einer Dauerregenlage gewarnt. Auch private Wetterdienste und Meteorologen wiesen früh auf die ungewöhnliche Lage hin. In den Modellkarten tauchten für das Allgäu teils mehr als 150 Liter Regen pro Quadratmeter auf.

Solche Prognosen liest man sonst schnell weg oder man überhört sie gleich ganz. Wetterwarnungen vor Regen, Wind oder Gewitter gibt es oft, und nicht immer wird es am Ende so dramatisch, wie es zunächst klingt.
Das war dieses Mal leider anders.

Entscheidend war nicht nur die Regenmenge. Entscheidend war auch, wie lange es regnete. Die Böden waren bereits gesättigt. Flüsse, Bäche, Gräben und Felder konnten kaum noch Wasser aufnehmen. Was danach noch vom Himmel kam, lief oberflächlich ab.

Vorher war mir das gar nicht so bewusst. Es gab im Mai nicht den einen Dauerregen, bei dem sofort alle Alarmglocken schrillen. Es war einfach kein schöner Frühling, bewölkt, kalt und nass. Zumindest habe ich ihn so in Erinnerung. Auf der anderen Seite der Alpen hingegen staute sich das feuchtwarme Wetter und als es dann rüberschwappte wendete sich das Blatt.

Auf der anderen Seite der Alpen staute sich feuchtwarme Luft, gespeist durch ein viel zu warmes östliches Mittelmeer. Als diese Luftmassen nach Norden geführt wurden, kippte die Lage.

Der Einsatz beginnt

In Ottobeuren begann der Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr am Freitag, den 31. Mai 2024, gegen 13 Uhr. Da war aus dem Regen längst eine ernste Krisenlage geworden.

Das Technische Hilfswerk baute aus 32 mit Sand gefüllten BigBags einen Hochwasserdamm, um die Anwesen rund um die Firma Hummel in Eldern zu schützen. Im Feuerwehrhaus wurden zusammen mit dem Bauhof Ottobeuren rund 150 Tonnen Sand verarbeitet. Sandsäcke wurden gefüllt, verladen und an Bürgerinnen und Bürger verteilt, die ihr Hab und Gut vor dem steigenden Wasser schützen wollten.

Auch draußen war die Lage nicht zu übersehen. Feuerwehrfahrzeuge standen bei Regen an den Zufahrten. Straßen wurden gesperrt. Einsatzkräfte pendelten zwischen Feuerwehrhaus, Ortsteilen und kritischen Punkten im Gemeindegebiet.

Von Freitagabend bis Samstagabend arbeiteten die Einsatzkräfte in und um Ottobeuren mehr als 100 Einsätze ab. Keller liefen voll. Straßen mussten gesichert werden. Die Ortsteilwehren aus Betzisried, Guggenberg, Haitzen und Ollarzried waren ebenso eingebunden wie die Feuerwehr Böhen.

Das war kein einzelner Einsatz mehr. Das war eine Lage. Irgendwie haben wir davon aber gar nicht so viel mitbekommen. Ab und zu fuhr ein Feuerwehrauto und begutachtete die Lage, aber ansonsten war noch nicht viel los. Das sollte sich aber ändern, als dann auch recht bald weitere Einsatzkräfte und das Wasserwirtschaftsamt kamen.

Als Eldern zum kritischen Punkt wurde

Ein besonders kritischer Punkt war das Hochwasserrückhaltebecken Eldern.

Dieses Bauwerk ist nicht irgendein Damm am Ortsrand von Ottobeuren. Es ist das erste von insgesamt fünf geplanten Rückhaltebecken im Hochwasserschutzkonzept für die westliche Günz. Der Spatenstich erfolgte 2018. Im August 2020 war die Anlage betriebsbereit. Offiziell eingeweiht wurde sie wegen der Pandemie erst am 22. September 2021.

Schon damals war klar: Irgendwann wird dieses Becken seine erste echte Bewährungsprobe erleben.

Dass es schon drei Jahre später so weit sein würde, hatte vermutlich kaum jemand erwartet.

Am 1. Juni 2024 war der Rückhalteraum fast vollständig genutzt. Rund 1,5 Millionen Kubikmeter Wasser der Westlichen Günz wurden zurückgehalten. Der Wasserspiegel lag laut der später angebrachten Schautafel am Betriebsgebäude nur noch 16 Zentimeter unter Vollstau. Der Spitzenabfluss lag am Morgen bei rund 63 Kubikmetern pro Sekunde und wurde am HRB Eldern auf rund 26 Kubikmeter pro Sekunde gedrosselt.

Auch die Straße, die über den Damm durch das Rückhaltebecken führt, zeigte die Dimension. Selbst am höchsten Punkt reichte das Wasser bereits bis an die Fahrbahn. Weiter unten sperrte die Feuerwehr die Straße.

Das sind technische Zahlen. Aber wenn man direkt darunter wohnt, wie meine Familie, unsere Nachbarn und ich, dann werden sie plötzlich sehr konkret.

Der Blick vom Damm

Am Samstag bin ich dann selbst zu den Einsatzkräften und den Angestellten des Wasserwirtschaftsamts auf den Damm gegangen, um mich zu informieren.
Das Wasser war schmutzig braun und aufgewühlt.

Es stand sehr hoch. Mein eigener Eindruck war: vielleicht noch 40 Zentimeter bis zur Oberkante. Später las ich, dass der Wasserspiegel tatsächlich nur 16 Zentimeter unter Vollstau lag. Die Feuerwehr sprach in ihrem Einsatzbericht von knapp 20 Zentimetern bis zum Beginn des kontrollierten Überlaufens.

Später, als das Wasser ruhiger lag, wirkte die Fläche fast friedlich. Der Himmel spiegelte sich darin, am Rand lagen angeschwemmtes Holz und ein mitgerissener Hochstand. Gerade dieser Kontrast blieb aber im Gedächtnis: Eine ruhige Wasserfläche, die gleichzeitig zeigte, welche Kraft das Ereignis gehabt hatte.

Die Verantwortlichen wirkten nicht übermäßig angespannt. Eher konzentriert und ruhig.
Bei meiner Familie, unseren Nachbarn und den Ottobeurer Bürgerinnen und Bürgern war es natürlich anders.

Ich war angespannt, aber nicht ängstlich. Bei meiner Frau und meiner Mutter war die Sorge deutlich größer.
Und das kann ich verstehen.

Denn Zahlen wirken anders, wenn sie direkt vor einem stehen.

1,5 Milliarden Liter Wasser.
Acht Meter über Grund.
Dreißig Meter entfernt.

Da wird aus technischer Infrastruktur plötzlich eine sehr konkrete Frage:

Was machen wir, wenn doch etwas passiert?

Der Notfallrucksack

Wir haben einen Notfallrucksack gepackt.
Dokumente. Laptop. Irgendwie das Nötigste. Einen echten Plan, was hinein muss, hatten wir nicht.

Unsere Idee war nur: Wenn es wirklich kritisch wird, gehen wir seitlich auf Dammhöhe weg.

Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Situation außer Kontrolle war. Auch nicht, dass ein Dammbruch unmittelbar bevorstand. Am östlichen Ende des Damms, wo wir wohnen, hätte ich ohnehin nicht den kritischsten Punkt gesehen. Wenn etwas passiert wäre, dann vermutlich eher weiter in der Mitte, am Schott. Für Ottobeuren wäre das wohl deutlich gefährlicher gewesen als für unser Haus.

Trotzdem bleibt natürlich ein ungutes Gefühl.

Zehn Minuten Dammbruch

Am 1. Juni um 17:16 Uhr kam dann auch noch über die Warn-App die Meldung:

„Drohender Dammbruch in Eldern.“

Die Warn-App zeigte den Gemeindebereich Ottobeuren orange eingefärbt. Als Ort war Eldern markiert. Auch wenn die Meldung kurz darauf korrigiert wurde, war das in diesem Moment eine Nachricht, die man nicht einfach wegatmet. Der blaue Standortpunkt lag genau dort, wo wir waren.

Das sind Worte, die man in so einer Situation nicht lesen will. Ich kann mich noch an die sorgenvollen Augen meiner Mutter erinnern: „Was machen wir denn, wenn der Damm wirklich bricht?“

Etwa zehn Minuten später kam dann Gott sei Dank die Entwarnung.

Es handelte sich um eine Falschmeldung, ein Verständnisproblem in der Integrierten Leitstelle. Auch dort arbeiten Menschen unter enormem Druck. Nach meinem damaligen Kenntnisstand bezog sich die Sorge nicht auf das HRB Eldern, sondern auf einen anderen Damm im Gemeindegebiet. Mit Hilfe eines Bauunternehmens gelang es, auch diesen Damm zu halten.

Trotzdem bleibt so ein Moment hängen.

Der Sonntag und die Schaulustigen

Am Sonntag wurde das Wetter besser. Und damit kam eine neue, überraschende Erkenntnis.

Die unmittelbare Anspannung vom Samstag war etwas abgeklungen. Die Falschmeldung vom Dammbruch war geklärt. Der große Regen ließ nach. Viele Menschen wollten nun sehen, was dort am Hochwasserrückhaltebecken eigentlich passiert war.

Man kann das verstehen. Viele Ottobeurerinnen und Ottobeurer wollten sehen, wie glimpflich der Ort davongekommen war. Sie wollten sehen, was das Rückhaltebecken geleistet hatte. Vielleicht wollten sie auch begreifen, was oberhalb von Eldern passiert war.

Trotzdem war die Lage nicht ungefährlich.

Solange das Becken eingestaut war, hätte jede zusätzliche Belastung auf dem Damm möglichst vermieden werden müssen. Schon die Bergung der angeschwemmten Bäume war eine Belastung. Ein großer Traktor mit Greifzange musste rund 20 mitgerissene Baumstämme und Holzreste aus dem Bereich holen.

Besonders problematisch war, dass einzelne Menschen sogar mit Stand-up-Paddle-Boards auf dem Wasser unterwegs waren. Das war nicht nur unpassend. Es war gefährlich. Die Strömung am Auslass war nicht berechenbar. Feuerwehr und Polizei mussten eingreifen und die Personen vom Wasser holen.

Auch das ist eine Lehre aus diesem Wochenende:

Wenn das Rückhaltebecken bei einem solchen Ereignis eingestaut ist, muss der Zugang zum Damm konsequent gesperrt werden. Sofort und so, dass niemand einfach hinaufgehen kann.

Das hat der damalige Bürgermeister Fries als eine seiner Lessons Learned auch so kommuniziert.

Ein Hochwasserdamm in so einer Lage ist kein Aussichtspunkt und kein Naherholungsgebiet. Auch, wenn wir heute noch witzeln, dass wir das nächste Mal eine Würstelbude aufstellen, damit die Schaulustigen auch versorgt sind.

Wenn Informationen fehlen

Das Hochwasserrückhaltebecken Eldern hat funktioniert. Daran habe ich keinen Zweifel.

Es hat enorme Wassermassen zurückgehalten und es hat die Hochwasserwelle gedämpft. Es hat Ottobeuren vermutlich vor deutlich schlimmeren Schäden bewahrt.

Aber als Anwohner wussten wir in diesem Moment wenig darüber, wie die Situation am Becken tatsächlich war.

Wie voll ist es gerade?
Wie kritisch ist die Lage?
Was passiert, wenn der kontrollierte Überlauf beginnt?
Was bedeutet das konkret für die Menschen unterhalb des Damms?

Die Warnmeldungen waren wichtig. Aber sie ersetzten nicht die Einordnung vor Ort. Wer auf eine orange oder rote Fläche in einer Warn-App schaut und gleichzeitig Einsatzfahrzeuge vor der Haustür sieht, braucht nicht nur eine Warnung. Er braucht verständliche Erklärung. Daher bin ich ja selber zu den Einsatzkräften und habe nachgefragt. Vom Dammbau und allgemein kannte man sich ja.

Mir ist bewusst, dass Einsatzkräfte in so einer Lage anderes zu tun haben, als Anwohnerinnen und Anwohner einzeln zu informieren. Trotzdem hätten ein paar klare Erklärungen geholfen.

Das ist nicht als Kritik an den Blaulichtkräften gemeint. Es beschreibt eher, wie sich so eine Lage aus Sicht der Anwohner anfühlt.

Gerüchte im Ausnahmezustand

Wo Informationen fehlen, entstehen Gerüchte.
Die Falschmeldung vom Dammbruch war nur ein Beispiel.

Ein anderes Gerücht lautete, dass im Falle eines kontrollierten Überlaufs „das Schott geöffnet“ werde und „Ottobeuren dann absäuft“.

Fachlich mag das Unsinn sein. Aber in so einer Lage wirken solche Sätze. Eigentlich gab es die Informationen, dass sowas keine Option ist in einer Bürgerversammlung zum Projektstart. Nur war diese wohl schon zu lange her.

Auffällig war auch, wie irrational manche Ängste wurden. Selbst aus Teilen Ottobeurens, die nie im Überflutungsgebiet gelegen hätten, hörte man von Menschen, die große Angst hatten.

Von außen betrachtet wirkt das irrational. In der Situation selbst ist es möglicherweise menschlich.

Was das Becken verhindert hat

Gerade deshalb ist wichtig festzuhalten:
Das Rückhaltebecken Eldern war nicht das Problem, sondern ein wesentlicher Teil der Lösung. Das ist besonders bemerkenswert, da anfangs viel über den Sinn und die Kosten des Bauwerks diskutiert wurde.
Ich glaube jetzt schüttelt in Ottobeuren keiner mehr den Kopf darüber.

Ohne dieses Becken wären die Wassermassen nicht dort oben gesammelt worden. Sie wären weitergeflossen. Richtung Ottobeuren und weiter Richtung Günztal.

Der gesamte Hochwasserschutz muss übergreifend verstanden werden, wie ein Räderwerk, bei dem ein Teil ins andere greift.

Überspitzt gesagt: Auch ein Rückhaltebecken in Eldern wirkt weiter als bis Ottobeuren. Die Günz fließt in die Iller, die Iller in die Donau und deren Flutwellen bedrohen dann beispielsweise Passau. Jede gekappte Hochwasserspitze zählt im Gesamtsystem.

Natürlich kann ich als Laie nicht exakt berechnen, welche Straße, welcher Keller oder welches Haus wie stark betroffen gewesen wäre. Aber aus eigener Anschauung ist für mich klar:

Das HRB Eldern hat Schlimmeres verhindert.
Es war an seiner Grenze. Aber es hat funktioniert.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Erkenntnis: Ein funktionierendes Schutzbauwerk kann trotzdem ein beunruhigender Anblick sein.

Warum das Becken nicht höher ist

Bei der Einweihung 2021 wurde auch erklärt, warum das Bauwerk so gebaut wurde, wie es heute dasteht.

Der Damm ist bis zu elf Meter hoch und erstreckt sich rund 750 Meter quer durch das Tal der Westlichen Günz. Die Einstaufläche umfasst etwa 51 Hektar. Im Ernstfall können dort rund 1,6 Millionen Kubikmeter Wasser zurückgehalten werden.

Noch höher ließ sich der Damm nicht einfach bauen. Betroffen gewesen wären sonst unter anderem Hofstellen und die Fischzuchtanlage Ripfel. Man habe für den Rückhalt dennoch das Maximum herausgeholt, hieß es damals.

Das ist ein wichtiger Punkt.

Hochwasserschutz ist immer Abwägung. Zwischen Schutzwirkung, Landschaft, Eigentum, Landwirtschaft, Ökologie und Kosten.

Das HRB Eldern ist also nicht die eine perfekte Lösung. Es ist ein starkes Element in einem größeren System.

Der Blick nach Babenhausen

Warum gehört Babenhausen in diese Geschichte?

Weil dort sichtbar wurde, was Hochwasser bedeutet, wenn Wasser nicht mehr ausreichend gebremst werden kann.

Ich war selbst nicht vor Ort und habe die Schäden dort nicht mit eigenen Augen gesehen. Aber die Berichte aus Babenhausen waren deutlich. Ich kenne Menschen, die dort wohnen. Was sie erlebt haben, war um ein Vielfaches schlimmer. Viele Menschen in Babenhausen hatten nicht nur Angst um Hab und Gut. Manche fürchteten um ihre Sicherheit und vielleicht sogar um ihr Leben.

Menschen mussten aus Häusern gerettet werden. Spezialboote kamen zum Einsatz. Später auch Hubschrauber, weil Rettungsboote gegen die starke Strömung der Günz nicht mehr ankamen.

Das Handynetz fiel teilweise aus. Menschen, die keinen Notruf absetzen konnten, sollten weiße Laken oder Tücher aus dem Fenster hängen, um auf sich aufmerksam zu machen.
Kühe wurden an Hänger gebunden und mit Traktoren durch die überfluteten Straßen gezogen, weil die Bauern versuchten zu retten was zu retten war.
Auch meine Schwester hier in Eldern und der örtliche Reitverein bekamen Angebote, wo die Pferde zur Evakuierung hingebracht werden könnten.

Das sind Bilder und Geschichten, die man nicht schnell vergisst.

Und sie zeigen, was in Ottobeuren vermutlich verhindert wurde.

Während Eldern und Ottobeuren vergleichsweise glimpflich davonkamen, kämpfte Babenhausen mit massiven Überschwemmungen im Ortsgebiet. Auch die Feuerwehr Ottobeuren unterstützte dort am Sonntag noch die Einsatzkräfte.

Babenhausen ist deshalb nicht einfach ein anderer Ort in diesem Artikel.

Es ist der Blick auf das, was hätte passieren können.

Die Folgen blieben

Ein Jahr später waren die materiellen Schäden vielerorts teilweise behoben. Aber Hochwasser verschwindet nicht einfach, nur weil das Wasser abläuft.

In Orten wie Dirlewang, Babenhausen, Westerheim oder Bad Wörishofen blieben Schäden an Häusern, Brücken, Infrastruktur und öffentlichen Einrichtungen. In Babenhausen mussten Brücken saniert werden. Private Haushalte, kommunale Einrichtungen und soziale Infrastruktur waren betroffen. Ehrenamtliche halfen weiter, lange nachdem die akute Lage vorbei war.

Die Warnmeldungen des Landratsamts machten deutlich, dass es längst nicht mehr nur um nasse Keller ging. Menschen, die in Gebäuden eingeschlossen waren, sollten diese nicht auf eigene Faust verlassen, sondern sich in sichere Etagen zurückziehen und auf Hilfe warten. Das zeigt, wie ernst die Lage im Landkreis war.

Noch wichtiger ist aber etwas anderes:
Bei vielen Menschen blieb das Hochwasser im Kopf.

Starker Regen fühlt sich nach so einem Ereignis möglicherweise anders an. Pegelstände werden anders beobachtet. Wetterwarnungen anders gelesen.
Auch das gehört zur Bilanz.

Ein Jahr später am Damm

2025 war ich mit Christian Hierneis, Stephanie Schuhknecht, Maria Wißmiller und Vertreterinnen und Vertretern des Wasserwirtschaftsamts Kempten am Hochwasserrückhaltebecken Eldern und in Babenhausen.

Bei dieser „Wassertour“ am 29. September 2025 waren unter anderem Stefanie Kienle, Abteilungsleitung Hochwasserschutz Günztal, und Bernhard Simon, Behördenleiter des Wasserwirtschaftsamts Kempten, dabei.

Die wichtigste Aussage dort war für mich:
Das Becken hat funktioniert.

Aber es ist nur ein Teil eines größeren Gesamtkonzepts für den Hochwasserschutz an der westlichen Günz und das ist entscheidend.

Hochwasserschutz ist kein einzelner Damm, sondern ein Teil eines Systems.

Rückhaltebecken, Gewässerpflege, Alarmierung, Einsatzplanung, Bauleitplanung, Information, Eigenvorsorge und politische Prioritäten greifen ineinander.

Wenn eines davon fehlt, wird es schwierig.

Was bleibt

Für mich bleibt die Erinnerung.

An die vielen Einsatzkräfte.
An die Autos des Wasserwirtschaftsamts.
An die Schaulustigen auf dem Damm.
An das braune Wasser kurz unter der Oberkante.
An die Falschmeldung.
An den gepackten Notfallrucksack.
An die gesperrte Straße über den Damm.
An das Feuerwehrfahrzeug im Regen.
An den angeschwemmten Hochstand am Rand des Beckens.
An die sorgenvollen Blicke meiner Mutter und meiner Frau.

Und an einen Satz, den ich am Damm hörte:

„Ich hätte ganz schön Angst, wenn ich da wohnen würde.“

Gemeint war unser Hof und das Haus der Nachbarn.

Ich hatte keine große Angst. Aber ich habe verstanden, warum jemand das sagt.

Das Hochwasser 2024 hat gezeigt, wie wichtig technischer Hochwasserschutz ist. Das HRB Eldern hat funktioniert und es hat vermutlich viel verhindert.

Aber es hat auch gezeigt, dass Schutz nicht nur aus Bauwerken besteht.

Sondern eben auch aus Verständlichkeit, aus Informationen und aus Vertrauen.

Und aus dem Wissen, dass das, was sonst abstrakt klingt, plötzlich direkt vor der eigenen Haustür stehen kann.

1,5 Milliarden Liter Wasser.
Acht Meter hoch.
Dreißig Meter entfernt.

Das vergisst man nicht.

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PDF, 760 KB · erzeugt am 28.05.2026

Recherche & Quellen


Grundlage dieses Artikels sind eigene Beobachtungen am Hochwasserrückhaltebecken Eldern am 1. und 2. Juni 2024, der Einsatzbericht der Freiwilligen Feuerwehr Ottobeuren, Berichte des Kreisboten zur Hochwasserlage im Unterallgäu, Informationen zur Einweihung und Funktion des HRB Eldern sowie die Schautafel zum Junihochwasser 2024 am Betriebsgebäude des Rückhaltebeckens.
Weitere Grundlage sind Informationen zur meteorologischen Entstehung des Hochwassers in Süddeutschland 2024 und zur Vb-Wetterlage.

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