Kriminalstatistik Unterallgäu 2025: Sicherer als viele denken

Menschen gehen bei Dämmerung entspannt über einen beleuchteten Marktplatz.

16 Juni, 2026 • 13 Min. Lesezeit • Hintergrund

Kriminalstatistik Unterallgäu 2025: Sicherer als viele denken

Die Zahlen zeigen weniger Straftaten, aber eine gefährlichere politische Stimmung

Man hört es in Gesprächen immer wieder: Man könne sich ja kaum noch vor die Tür trauen. Überall Gewalt, überall Messer, abends gehe man besser gar nicht mehr raus.
Und dann schaut man auf die Zahlen. Bundesweit. Und hier bei uns im Unterallgäu.
Das Ergebnis ist deutlich nüchterner, als viele Gespräche klingen: Die registrierte Kriminalität ist gesunken. Im Unterallgäu sogar ziemlich klar. Gefährlicher geworden ist offenbar weniger der Alltag vor der Haustür. Gefährlicher geworden ist der Ton in unserer Gesellschaft.

Warum ich darüber schreibe

Gefunden habe ich das Thema über mein Themenradar. Dort ist mir der Bericht des Landratsamts Unterallgäu zum aktuellen Sicherheitsgespräch mit der Polizei aufgefallen. Solche Meldungen wirken auf den ersten Blick oft trocken: ein Termin im Landratsamt, ein paar Zahlen, ein gemeinsames Foto, einige Einschätzungen zur Sicherheitslage.

Aber manchmal steckt genau in solchen nüchternen Meldungen ein Thema, das viel größer ist.

Neulich war ich wieder in so einer Situation. Man sitzt irgendwo zusammen, mit Freunden, Vereinskollegen oder Familie, macht Small Talk, und irgendwann kommt das Gespräch auf Politik und Sicherheit. Dann dauert es oft nicht lange, bis Sätze fallen wie: „Man kann sich ja kaum noch vor die Tür trauen.“ Oder: „Überall das Gschwerl, die haben doch alle Messer in der Tasche.“ Der Klassiker ist natürlich auch: „Früher war das alles noch sicher.“

Ich gebe zu: Bei solchen Sätzen reibe ich mir manchmal verwundert die Augen.

Klar gibt es auch im Unterallgäu Kriminalität, wir leben immerhin mitten in Deutschland und nicht auf einer abgeschiedenen Südsee-Insel. Gewalt darf nicht verharmlost werden und konkrete Vorfälle oder einzelne Opfer dürfen schon gar nicht klein geredet werden. Für jeden Menschen, der Opfer einer Straftat wird, ist das kein statistischer Wert, sondern ein Einschnitt ins eigene Leben.

Aber gerade deshalb wollte ich mal genauer hinschauen.


Zwischen gefühlter Bedrohung und tatsächlicher Sicherheitslage liegt oft eine erstaunlich große Lücke. Und diese Lücke wird politisch genutzt. Angst lässt sich leicht schüren. Sie klickt gut, sie klingt hart, sie lässt sich in einfache Schuldzuweisungen pressen und sie wird bereitwillig über SocialMedia verbreitet.

Ein ähnliches Muster habe ich bereits im Artikel „Für jede Lösung die passende Angstgeschichte“ beschrieben: Erst wird ein Gefühl erzeugt, dann wird es politisch verwertet.

Der Haken daran ist, dass eine Gesellschaft dadurch nicht sicherer wird, ganz im Gegenteil.

Bildhinweis: KI-generierte Symbolbilder. Mehr dazu: Transparenz & KI-Hinweis

Ein Blick auf die Zahlen

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hat am 20. April 2026 gemeinsam mit BKA-Präsident Holger Münch und dem Vorsitzenden der Innenministerkonferenz, Uwe Grote, die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 vorgestellt.

Bundesweit wurden im Jahr 2025 rund 5,5 Millionen Straftaten registriert. Das sind 5,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Auch die Gewaltkriminalität ging erstmals seit 2021 wieder leicht zurück, um 2,3 Prozent.

Das ist kein Grund für Selbstzufriedenheit. Aber es ist sicher auch kein Bild eines Landes im freien Fall.

Noch deutlicher wird der Blick vor Ort. Beim Sicherheitsgespräch zwischen dem Landratsamt Unterallgäu und dem Polizeipräsidium Schwaben Süd/West wurde die aktuelle Sicherheitslage im Landkreis vorgestellt.

Die bereinigte Gesamtzahl der registrierten Straftaten im Unterallgäu sank im Vergleich zum Vorjahr um 5,2 Prozent auf 3.848 Fälle. Die sogenannte Häufigkeitszahl, also die Zahl der registrierten Straftaten pro 100.000 Einwohner, ging von 2.672 im Jahr 2024 auf 2.613 im Jahr 2025 zurück.

Besonders deutlich fiel der Rückgang beim Wohnungseinbruchdiebstahl aus. Die Fallzahlen reduzierten sich nahezu um die Hälfte. Auch Straßenkriminalität, Gewaltkriminalität und allgemeine Diebstahlsdelikte gingen zurück. Bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung war 2024 ein Höchststand erreicht worden. Im Jahr 2025 sanken die Fallzahlen im Unterallgäu um 15,2 Prozent.

Auch hier klingt das nicht nach einem Landkreis, in dem man sich nicht mehr vor die Tür trauen kann, sondern vielmehr nach einem Landkreis mit einer stabilen, in vielen Bereichen sogar verbesserten Sicherheitslage.

Aber Statistik ist nicht alles

Trotzdem wäre es falsch, daraus ein bequemes „Alles gut“ zu machen.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt das sogenannte Hellfeld. Also die Straftaten, die der Polizei bekannt werden. Sie kann natürlich keine Aussage über nicht angezeigte Taten oder über jedes subjektive Unsicherheitsgefühl treffen. Ebenso kann keine Statistik abbilden, welche Wunden Gewalt, Betrug oder Bedrohung bei einzelnen Menschen hinterlassen.

Das sind die Themen, die im Unterallgäu bleiben und die ernst genommen werden müssen.

Beim Callcenter-Betrug sank zwar der entstandene Vermögensschaden von rund 342.000 Euro auf etwa 283.000 Euro. Gleichzeitig stiegen aber sowohl die Fallzahlen als auch die aus Tätersicht erfolgreichen Taten. Das betrifft häufig ältere Menschen. Dagegen hilft Aufklärung, Prävention, Medienkompetenz und eine funktionierende Gesellschaft. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Veranstaltung im MachMit in Ottobeuren zu dem Thema. Das ist allemal wirksamer als laute Symbolpolitik.

Auch im Verkehr ist das Bild gemischt. Die Gesamtzahl der Verkehrsunfälle im Landkreis stieg von 3.776 im Jahr 2024 auf 3.928 im Jahr 2025. Hauptursachen waren nicht angepasste Geschwindigkeit und zu geringer Sicherheitsabstand. Gleichzeitig sank die Zahl der Schwerverletzten deutlich von 159 auf 120 Personen. Die Zahl der Verkehrstoten ging von neun auf fünf zurück.

Das ist eine gute Entwicklung. Aber jeder schwere Unfall bleibt einer zu viel.

Wer Sicherheit ernst nimmt, muss deshalb auch über sichere Schulwege sprechen, über LKW-Fahrverbote durch Ortschaften, Tempo 30 in Ortsdurchfahrten. Es fehlen in dem Zusammenhang auch sichere Radwege und vor allem auch Rücksicht für ältere Menschen, die eine Straße überqueren wollen, ohne sich gehetzt zu fühlen, für Kinder, die selbstständig unterwegs sein wollen auf dem Weg zur Schule und für Menschen, die mit dem Fahrrad einkaufen fahren und dabei „den Verkehr auf der Hauptstraße aufhalten“.

Sicherheit beginnt nicht erst beim Notruf.

Die eigentliche Verschiebung

Während die allgemeine Kriminalität bundesweit sinkt und auch das Unterallgäu gute Zahlen meldet, zeigt eine andere Statistik ein deutlich raueres Bild.

Am 9. Juni 2026 wurden die Fallzahlen zur politisch motivierten Kriminalität 2025 vorgestellt. Dort wurde ein neuer Höchststand erreicht. Insgesamt wurden bundesweit 85.837 politisch motivierte Straftaten registriert. Die Zahl hat sich innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt. Auch politisch motivierte Gewalttaten stiegen auf 4.156 Fälle.

Das ist der Punkt, an dem die Sicherheitsdebatte genauer werden und wir differenzierter hinschauen müssen.

Die Verrohung fällt ja nicht einfach vom Himmel. Gewalt beginnt nicht erst dort, wo jemand eine Scheibe einwirft, eine Drohung schreibt oder einen Menschen angreift. Sie beginnt viel früher in der Sprache, in ständig wiederholten Feindbildern, in der Behauptung, politische Gegner wollten das Land zerstören. Sie beginnt in Begriffen, die ganze Gruppen abwerten. In Talkshows, in denen Migration, Stadtbild, „Paschas“ oder „die Grünen“ zu Projektionsflächen für Wut gemacht werden.

Wer ständig Öl in diese Debatten gießt, darf sich später nicht wundern, wenn andere mit brennenden Fackeln loslaufen.

Natürlich trägt jeder Mensch Verantwortung für das, was er tut. Niemand wird durch einen Tweet, eine Rede oder eine Talkshow-Aussage gezwungen, andere zu bedrohen oder Gewalt auszuüben. Aber politische Sprache schafft Räume. Sie kann beruhigen oder anheizen. Sie kann differenzieren oder entmenschlichen. Sie kann Verantwortung übernehmen oder Ressentiments bedienen.

Und genau hier liegt ein Problem.

Wenn Markus Söder regelmäßig gegen die Grünen wettert, wenn Hubert Aiwanger im Fernsehen behauptet, das Ziel der Grünen sei es, Deutschland zu zerstören, oder wenn Friedrich Merz mit Begriffen wie „Paschas“ und „Stadtbild“ arbeitet, dann sind das keine harmlosen Zuspitzungen im luftleeren Raum. Solche Worte werden aufgenommen, verkürzt, geteilt, weitergedreht und in sozialen Netzwerken oft noch radikalisiert.

Das kennen wir von der Energiewende-Diskussion in Ottobeuren.

Am Ende steht dann nicht mehr die demokratische Auseinandersetzung über konkrete Politik. Am Ende steht das Feindbild.

Ein aktueller Blick nach Belfast zeigt, wie schnell das gehen kann.

Dort wurde ein Mann bei einem schweren Messerangriff furchtbar verletzt. Der mutmaßliche Täter ist ein Mann aus dem Sudan. Diese Tat ist entsetzlich. Sie muss aufgeklärt und rechtsstaatlich verfolgt werden. Für das Opfer und seine Familie ist das kein politisches Symbol, sondern eine menschliche Katastrophe.

Aber was danach geschah, zeigt die gefährliche Dynamik unserer Zeit.

Aus einer furchtbaren Einzeltat wurde in sozialen Medien ein Brandbeschleuniger. Rechte Akteure griffen den Fall auf. Elon Musk kommentierte und verstärkte die Empörung. Auf den Straßen von Belfast entlud sich die Stimmung in anti-migrantischer Gewalt. Häuser und Fahrzeuge brannten. Menschen, die mit der Tat nichts zu tun hatten, wurden bedroht. Familien mussten fliehen. Aus Angst wurde ein Mob.

Genau an diesem Punkt muss man differenzieren.

Ja, Menschen haben Angst. Eine solche Tat erschüttert und der Staat muss konsequent handeln, wenn jemand mit einem Messer einen anderen Menschen angreift.

Aber nein: Eine Tat rechtfertigt keinen Lynchmob und brennende Häuser. Sie rechtfertigt keine Angriffe auf Menschen, nur weil sie aus einem anderen Land kommen oder anders aussehen. Sie rechtfertigt auch nicht, dass aus einem mutmaßlichen Täter plötzlich eine ganze Gruppe gemacht wird.

Das ist der Unterschied zwischen Rechtsstaat und Mob.

Und es ist der Unterschied zwischen berechtigter Sorge und politisch geschürter Angst.

Vielleicht leben wir also nicht in einem immer gefährlicheren Alltag. Aber wir leben in einer Öffentlichkeit, in der Angst immer schneller politisch verwertet wird.

Nicht jeder dunkle Gehweg ist gefährlicher geworden. Aber der Ton ist härter geworden. Nicht jeder Marktplatz ist unsicherer. Aber politische Debatten kippen schneller in Verachtung. Nicht überall lauert Gewalt. Aber Hass wird lauter, sichtbarer und manchmal auch handgreiflich.

Sicherheit ist mehr als Angstpolitik

Für mich ist Sicherheit kein rechtes Thema. Und sie ist auch kein Thema, das man denen überlassen sollte, die aus jedem Einzelfall eine allgemeine Untergangserzählung machen.

Sicherheit ist ein gesellschaftliches und demokratisches Thema.

Sie bedeutet, dass ältere Menschen nicht am Telefon betrogen werden. Dass Frauen und Kinder Schutz finden, wenn sie Gewalt erleben. Dass queere Menschen, Menschen mit Migrationsgeschichte, Menschen mit Behinderung oder politisch Engagierte sich darauf verlassen können: Der Staat schützt auch sie.

Sicherheit bedeutet, dass Polizei, Justiz, Verwaltung und soziale Hilfen funktionieren. Aber auch, dass staatliches Handeln kontrolliert bleibt. Vertrauen entsteht nicht durch blinden Gehorsam, sondern durch rechtsstaatliche Klarheit.

Und Sicherheit bedeutet, dass wir aufhören, Angst als politisches Geschäftsmodell zu behandeln.

Als Vergleich bietet sich tatsächlich das Thema Lichtverschmutzung an. Auch dort entsteht Sicherheit nicht automatisch durch mehr Helligkeit, einfache Reflexe oder Angstgeschichten, sondern durch kluge, passende Lösungen.

Wer Kriminalität bekämpfen will, muss genau hinschauen. Welche Taten nehmen zu? Wo gibt es echte Risiken? Wo brauchen Polizei, Justiz, Schulen, Beratungsstellen oder Kommunen mehr Unterstützung? Wo hilft Prävention? Wo braucht es konsequente Strafverfolgung?

Wer dagegen nur immer wieder dieselben Feindbilder bedient, schafft keine Sicherheit, sondern Unsicherheit. Er sorgt dafür, dass Menschen einander misstrauen. Dass aus Nachbarn Fremde werden, aus Freunden Gegner und aus politischen Konkurrenten Feinde. Und dass aus einer einzelnen Tat plötzlich ein angeblicher Beweis gegen Millionen Menschen gemacht wird.

Das ist keine verantwortungsvolle Sicherheitspolitik, sondern Brandstiftung am gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Was daraus folgt

Die Zahlen für das Unterallgäu geben keinen Anlass zur Panik. Im Gegenteil: Die registrierte Kriminalität ist gesunken. Einbrüche, Gewaltkriminalität, Straßenkriminalität und Diebstähle gingen zurück. Die Aufklärungsquote liegt mit 68 Prozent weiterhin über dem bayernweiten Durchschnitt.

Wer also behauptet, man könne sich hier kaum noch vor die Tür trauen, sollte sich zumindest fragen lassen, ob dieses Gefühl wirklich zu den Zahlen passt.

Aber gute Zahlen bedeuten nicht, dass wir nichts tun müssen.

Wir brauchen Prävention gegen Betrug. Sichere Wege für Kinder und ältere Menschen. Gute Beratungsstellen, starke Vereine und eine funktionierende Gemeinschaft.

Wir brauchen eine Polizei, die sichtbar und ansprechbar ist. Eine Justiz, die handlungsfähig bleibt. Und Behörden, Schulen, Kommunen und Beratungsstellen, die früh genug helfen können, bevor aus Problemen größere Krisen werden.

Nicht zuletzt brauchen wir wieder eine politische Kultur, in der Widerspruch nicht zum Feindbild wird. Eine Kultur, in der Menschen streiten können, ohne einander zu entmenschlichen. In der Sorgen ernst genommen werden, ohne sie in Hass zu verwandeln. Und in der Sicherheit nicht durch Angst entsteht, sondern durch Vertrauen, Fairness und rechtsstaatliche Klarheit.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Aufgabe: weniger Angst reden, mehr Sicherheit schaffen.

Denn Sicherheit ist am Ende nicht nur die Abwesenheit von Straftaten.

Sicherheit ist das Gefühl: Ich kann mich frei bewegen. Ich werde geschützt, meine Rechte gelten. Alle Rechte gelten für alle Menschen, wie es unsere Verfassung vorsieht. Ich darf widersprechen, ohne bedroht zu werden. Und der Staat steht nicht über der Demokratie, sondern in ihrem Dienst.

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PDF, 5,3 MB · erzeugt am 11.06.2026
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